Schlager als Marshallplan fürs Gemüt

Schlager als Marshallplan fürs Gemüt

Schlager
Wenn sich, wie Anfang Februar 2018 in Hamburg geschehen, ein amtierender Kultursenator und ein langjähriger Literaturhaus-Leiter in ehrwürdigem Gemäuer gemeinsam mit Siebzigerjahre-Schlagern befassen und als muntere DJs beweisen, ihre Lieblingsplatten auflegen (lassen), ihre musische Sozialisation­ und ihren Musikgeschmack erklären und so dem Publikum «einen der lustigsten Abende in der Geschichte des Literaturhauses» («Hamburger Abendblatt») bescheren, wenn besagter Literaturhaus-Chef sich der Schlagertext-Lyrik auch in Buchform humorvoll-ironisch widmet und diese liebevolle Abhandlung ausgerechnet bei Reclam, berühmt für seine bildungsbürgerlichen gelben Heftchen, erscheint – dann darf man wohl von einem denkwürdigen Ereignis in der Kulturszene sprechen. Der deutsche Schlager ist wieder da. Und hip.
Als weiterentwickelte Musikrichtung, für deren neuerlichen Massenerfolg vor allem die Sängerin Helene Fischer steht, als nostalgische Mitsing-Parade auf Partys, als schräges «Camp»-Happening bei Schlagermoves und auf Festivals. Doch der Schlager ist auch als ein von einer kurzen, aber entscheidenden Epoche erzählendes historisches Phänomen entdeckt worden, das Intellektuelle der Betrachtung unter kulturwissenschaftlicher Lupe für wert befinden. Schlager boomten erstmals in den 1920er-Jahren und prägten dann die Populärmusik in der jungen Bundesrepublik der 1950er- bis frühen­ 1980er-Jahre. .


Niemand konnte dem in das kollektive­ Unterbewusstsein sich einbrennenden musikalisch-ästhetischen Phänomen – Föhnwellen, grosse Hemdkragen, Schlaghosenanzüge aus Samt und tanzbare Lieder – entkommen. Über das Niveau der Songs ist damit noch nichts gesagt.
Ende der 1970er-Jahre war das Ganze schon fast wieder vorbei. Jetzt, da der vor gut 25 Jahren eher belächelte und persiflierte Schlager als zeitgeschichtlich aufschlussreich untersucht wird, haben die Pro­tagonisten von einst das Seniorenalter erreicht. Einige­ der grössten Schlagerstars der 1970er-Jahre sind bereits verstorben, jüngst Abi Ofarim im Mai 2018 und Daliah Lavi im Mai 2017. .

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